Das ideale Geschenk aus dem Paulinenpark

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unter paulinenpark(at)diak-stuttgart.de

 

 

Foto: Birte Stährmann, 2019

Ein neuer Himmel und eine neue Erde …


Das Jahr 2019, in dem Hilde Reiser ihren neunzigsten Geburtstag feiern wollte, war ein beschwerliches Jahr für sie. Nur noch mühsam und mit Schmerzen konnte sie sich nach einem Sturz bewegen. Das Schlimmste für sie aber war, dass ihr das Führen des Pinsels und damit ihre Passion, das Malen, nicht mehr so recht gelingen wollte. Und so fand sie eine liebevolle Aufnahme im Stuttgarter Pflegeheim Paulinenpark. Wer Hilde Reiser in den letzten Wochen ihres Lebens dort besuchte, traf dort aber nicht auf einen Menschen, der mit seinem Leben resigniert abgeschlossen hatte. Ganz im Gegenteil. Wie man es gewohnt war, zeugte ihr Augenspiel von einer großen inneren Lebendigkeit und Wachheit. Und auf die Frage, ob man ihr nicht einige ihrer wunderbaren Bilder bringen und in ihrem Zimmer aufhängen solle, wehrte sie heftig ab. Sie brauche doch die weißen und leeren Wände als Leinwände für die vielen Bilder, die sie noch in ihrem Inneren sah und in ihren Träumen malen wolle! Und nicht nur das. Immer lag auch ein Bleistift auf dem Nachttisch, mit dem sie kleine Zeichnungen auf ein Stückchen Papier brachte, so gut es eben mit der gebrochenen Hand noch ging. Und was malte sie? Den Himmel. Einen Himmel, den sie ungleich viel lichtvoller, bewegter und farbenfroher sich ausmalte, als sie ihn vom frühen Morgen bis zum Einbruch der Dunkelheit durch das Fenster ihres Zimmers vom Bett aus sehen konnte – der Blick zum Himmel (in den Himmel!), ein Geschenk, das sie jeden Tag dankbar genoss. Ein neuer Himmel und eine neue Erde – dieser Traum begleitete sie ihr Leben lang. Und so stellte sie ihre Malerei in den Dienst dessen, der die Menschen selber diesen Traum träumen lassen wollte. Was nicht Sache der Kunst, aber Passion einer Künstlerin sein darf, zieht sich wie ein Cantus Firmus durch das lange künstlerische Schaffen von Hilde Reiser: Gottes Verheißung vom Aufbruch des neuen Tages in der Mitte der Nacht. Zur Verkündigung dieser Botschaft fühlte sie sich mit ihrer Begabung berufen. Mit einer nahezu unbegrenzten Farbpalette, meisterhaft auf Leinwand und Papier gebracht, gelang es ihr, dem Geheimnis von Leben, Tod und Auferstehung Ausdruck zu geben. Dabei wurden die schweren und notvollen Seiten menschlichen Lebens und Zusammenlebens, des Zweifels und des Scheiterns nie ausgeblendet oder verharmlost. Zu sehr litt sie selber schmerzlich unter der Erfahrung, dass Gelingen und Vergeblichkeit, Liebe und Hass, Gerechtigkeit und Unrecht, Freiheit und Unterdrückung sehr nahe beieinanderliegen und das Dunkle nicht selten die Oberhand zu gewinnen scheint. Als beredtes Zeichen dafür steht in vielen ihrer Bilder das Kreuz, sperrig und unübersehbar –  und doch als Hoffnungszeichen und als Credo, dass letztlich nicht der Hass über die Liebe, nicht das Dunkel über das Licht, nicht der Tod über das Leben siegen werden. In dieser Überzeugung starb Hilde Reiser am 8. März 2019, wenige Wochen vor ihrem 90. Geburtstag. Die Bilder dieses Kalenders wirken wie ein tröstliches Vermächtnis und geben Zeugnis von Gottes „Froher Botschaft“ an seine Schöpfung, in deren Dienst Hilde Reiser sich und ihr reiches künstlerisches Schaffen gerufen wusste.

Text: Peter Stengele  

 

© Hilde Reiser

Hilde Reiser orientierte sich an der christlichen Ikonographie, wobei viele Themen nicht auf den ersten Blick zu erkennen sind. Immer wieder bearbeitete Hilde Reiser in ihrem Werk Motive aus dem Themenkreis Passion/Auferstehung. Ihr breites künstlerisches Schaffen umfasst neben der Malerei die Ausgestaltung zahlreicher sakraler Räume mit Wandbildern und Glasfenstern (z.B. St. Konrad, Stuttgart). In der katholischen Kirche in Uhingen wurde der Kreuzweg von ihr gestaltet. Mehrere ihrer Bilder schmücken Räume des Gemeindezentrums von St. Fidelis in Stuttgart. In St. Eberhard in Stuttgart gibt es zwei Zimmer für Beichtgespräche (linke Seitenkapelle) mit Gemälden von Hilde Reiser, die den Kreuzestod Jesu als liebende Hinwendung sehen lassen.

Hilde Reiser sagte nur wenig zu ihren Bildern und daher möchten wir den Hinweis von ihr hier weitergeben: Lassen Sie die Bilder auf sich wirken, lassen Sie sich ansprechen und finden Sie darin Ihre eigene Geschichte.

© Hilde Reiser

Die Malerin Hilde Reiser wurde 1929 in katholisch geprägten Füssen im bayerischen Allgäu geboren. Ihre Verwandten stammen aus dem Altbayerischen und Oberösterreichischen, geboren wurde die kleine Hilde aber in Füssen im Allgäu. Dort wuchs sie zusammen mit ihrem bereits verstorbenen Bruder in einem Künstlerhaushalt auf – ihr Vater war Bildhauer.

Obwohl ihre Eltern nicht streng gläubig waren, empfand sich Hilde ab dem neunten Lebensjahr als religiös, und sie wollte wie ihr Vater Bildhauerin werden. Nach dem Notabitur, mit 20 Jahren, ging es für sie zum Bildhauer-Studium nach München. „Nach dreieineinhalb Semestern habe ich gemerkt: Das, was ich tun will, kann ich finanziell nicht erarbeiten. Steine und Holz sind zu teuer. So habe ich mich für die Malerei umentschieden.“

Insgesamt zehn Semester studierte sie an der Kunstakademie in Stuttgart Malerei. Um das Studium zu finanzieren, hat Hilde Reiser gearbeitet, und um ihre Malerei zu finanzieren, hat sie ebenfalls im Laufe ihres Lebens viele Nebenberufe gehabt.  

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